1. Hälfte Oktober 1960 bis November 1961

Walter Reinhardt beginnt sein Tagebuch mit einem Gedicht, in dem er eine gerade unglücklich beendete Liebschaft verarbeitet. Nach zwei nicht bestandenen Prüfungen am Hessenkolleg ist der Traum vom Abitur und anschließendem Studium ausgeträumt, er versucht sich in der Schriftstellerei, hat viele Ideen, doch mit einer Veröffentlichung scheint er nicht zu rechnen. Zunächst stehen ganz reale Sorgen auf dem Plan: Er benötigt ein günstiges Zimmer, will seine nun überflüssigen Bücher loswerden und muss die Zeit bis zum Mai nächsten Jahres herumbringen. Dann soll es auf einer amerikanischen Schifffahrtslinie als Servicekraft gen Amerika gehen – eine gute Gelegenheit, sich mit dem verdienten Geld ein finanzielles Polster zuzulegen, das ihm bei der Verwirklichung seiner Lebenspläne helfen soll. Malen, schreiben – es drängt ihn, schöpferisch tätig zu sein, aber er weiß auch nicht so recht, wie er dort den Weg zum Erfolg finden soll. Trotz seiner vielen Zweifel, Unsicherheiten und der ständigen Geldsorgen ist er jedoch im Grunde optimistisch und überzeugt, dass es ihm gelingen wird. Obwohl er weiß, dass die Fahrt auf dem Schiff nur eine Flucht vor dem drängenden Bedürfnis ist, den Weg zum Erfolg konsequent zu verfolgen, will er diese Gelegenheit nutzen. Dabei bedrücken ihn die Aussichten darauf, geistig unterfordert und von oberflächlichen Menschen umgeben zu sein. So führt er Zwiesprache mit seinem Tagebuch. Er berichtet unter anderem von den Besuchen in den großen Museen, die er aufsucht, wo sich die Möglichkeit bietet: etwa das Boijmans van Beuningen in Rotterdam oder das Cloisters in New York. Besonders gefallen ihm die ihm bisher noch unbekannten Werke von Bosch, Breughel und Jordaens in Rotterdam. Tief beeindruckt ist er vom Metropolitan Museum in New York, das für ihn „bisher größte Erlebnis auf dem Gebiet der Kunst“, in dem er am liebsten jeder Abteilung einen Tag Besichtigung widmen würde. Nette Mädchen, meist gekaufte für eine Nacht, trifft er zwar regelmäßig, doch drehen sich seine Gedanken immer wieder um eine Heirat, ein richtiges Eheleben – idealerweise mit einer Frau, die Geld in die Ehe bringt. Zu der Versorgung einer Frau und der Aufrechterhaltung eines Haushalts sieht er sich bis auf absehbare Zeit nicht in der Lage. Gedanken an ein eigenes Restaurant mit Speisekarten, deren Deckblatt eine Originalgrafik ziert, und eine ansehnliche Kunstsammlung beschäftigen ihn, oder die Investition in eine Filmkamera. Ihn reizt auch die Idee, als Reiseleiter tätig zu werden. In New York erkundigt er sich bei einem Freund näher dazu.


Metaphern

(...)
Der Spülstein des Abends
schmatzte den letzten Rest
des Spülwassers des Tages.

Der Tag nahm sein abendliches
Bad und die unbezahlbare
Brühe verschmatzte in Tiefen
des Ausgusses

Der Rotweintrinker abends schlürfte
genießerisch die letzten Tropfen.

Der Tag leckte sich seine
Zunge blutig an der Zeit.

Nacht Amethyst.

Ha, ha
im amethystenen Busch raschelt eine Ratte,
Geschmeiß am Rand der Zivilisation
bald schon der einzige Herrscher.
Was ich Dir noch sagen wollte, ich hab nen anderen Freund,
schwankend gingen wir durch die lauten und bunten Gassen der Straße
Eukalyptus ist eine schöne Pflanze, dachte ich, immer graugrün
beständig
„ein Studienkollege meines Bruders.“
„ist Recht“, sprach ich, „aber Du musst jetzt glaube ich links gehen, mach’s gut.“
Nach nicht einmal echten Schmerz
konnte ich fühlen,
vorbei, aus
ha, ha

ha, ha
in den ruhelosen Nächten
Graphit, Nebel, Gram, Kummer
vorbei
wälzt sich hin und her
und zwiespältige Sehnsucht
findet nicht die Muschel
des traumlosen Ruhens
die Luftschlösser im
Rausch der Nacht und der
abgestandene Rauch der Zigaretten
vorbei
ha, ha

5.10.60

um ½ 8 wach und aufgestanden, ausgeschlafen. Musste soeben an Ewald denken. Was mag er nur machen? Fühlt er sich  in seinen Bestrebungen auch auf dem richtigen Weg? Nicht dass ich an der Schriftstellerei zweifele, sondern an diesem Verleger.
Wenn jemand schon so viele Einfälle hat, dann sollte er auch Anerkennung finden.
Ich bin im Augenblick schon 8-9 Monate unfruchtbar. Danach hätte ich bereits von einem kräftigen Kinde genesen müssen. Aber ich bin tot (...)
Wenn ich doch endlich mal etwas Systematisches auf die Beine stellen könnte, einen logisch aufgebauten Aufsatz, ein ausgeglichenes Bild.
Aber nichts, weder das eine noch das andere.
Ich werde weiter an dem Bericht arbeiten und versuchen, ihn auszubauen. Viel Metaphern und wenig Logos. Es soll der Zivilisations-Ekel und der Menschenfreund per Distanz zur Rede kommen.
Er soll eine unter den Mantel dunkler Verkündigungen ätzende Kritik sein. Aber alles aus
dem Abstand heraus und ohne die Verzweiflung der Resignation.

18.10.60

Ich habe den endgültigen Entschluss gefasst, nunmehr regelmäßig ein Tagebuch zu führen. Ich muss lernen, schärfer zu beobachten, und vor allem auch des Stilistischen wegen.
Im Laufe der Zeit werde ich auch mein bisheriges Leben, soweit ich es nicht schon getan habe, zu Papier bringen.
Am 2.10.60 habe ich beim Ami angefangen zu arbeiten. Ermüdende Arbeit, ganz nette Kollegen, alles Leute, die ich nicht vermissen würde. Habe Nachricht von der holl. Ami-Linie erhalten.
Am 5. Mai geht’s los und dann werden wir sehen.
Zurzeit suche ich krampfhaft ein Zimmer. Kaum Aussicht, eines ohne Zimmervermittler zu bekommen. Überhaupt befinde ich mich augenblicklich in einer misslichen Lage. Einmal, dass meine tollsten Pläne an der harten Realität des Durchgefallenseins – nicht zuletzt durch meine Faulheit – scheiterten.
Zum anderen, ich weiß nicht, was wird. Dazu die seit meiner frühesten Jugendzeit nicht abreißenden Geldsorgen. Durch meinen Leichtsinn komme ich nie mit meinem Geld aus.
Ob dieser Leichtsinn ein echter ist, kann ich nicht sagen, denn ich habe noch nie so viel verdient, als dass ich hätte leichtsinnig werden können.
Ich sage: „All das muss anders werden!“ Aber das sage ich schon lange.
Was will ich eigentlich? Ich kann keine klare Auskunft darüber geben.
Ich vertrödele so viel Zeit, in der ich nichts tue. Gut, ich lese viel und male öfter. Aber das
ist mir zu wenig. Ich habe jetzt 28 Jahre auf meinem Buckel und habe nichts erreicht. Eine Unruhe ist in mir, aber auch irgendetwas Lähmendes. Es hilft auch nichts, dass ich ins Ausland gehe, weil das eine Flucht ist. Ich kann mich auf die Dauer nicht einer systematischen Arbeit entziehen. Ich muss ein Wissensgebiet gründlich betreiben. Ich weiß es, aber ich tue es nicht.
Nach Möglichkeit werde ich 2-4 Jahre im Ausland bleiben und, wie Enzensberger so schön sagt, einatmen. Dann muss ich mich irgendwo niederlassen und anfangen zu arbeiten, um diesen Eindrücken Gestalt zu verleihen. Noch bin ich davon überzeugt, dass ich es zu etwas bringen werde, wenn ich auch hin und wieder zweifele – es wird.

10.4.60

Sonett an Helga

Ein spätes Abendrot umfasst
mit zartem Kranz gezogene Linie.
dem roten Rebensafte gleich
edlen weißen Krug
– im Überfluss in die Amphoren gegossen –
so scheint dein bloßes Haupt umflossen
von solchem Schimmer
ein spätes Abendrot umfließt
mit sanfter feengelenkter Hand
der Amphoren
die bloße Wandung zu verzieren

19.1.61

Bevor ich mit Englisch lernen anfange, einige Zeilen.
Immer noch Zimmersuche. Die Zimmervermittler sind ausgesprochen unverschämt, sie verlangen eine Monatsmiete als Vermittlungsgebühr.
Aber wer könnte es ihnen verdenken? In einer Zeit, da alles sich auf einen messbaren, materiellen Wert bezieht, stehen sie nicht zurück.
Das ist auch eine meiner zwiespältigen Empfindungen. Einerseits möchte ich an der Prosperität teilnehmen, andererseits mich den Musen widmen.
Man kann aber nur eins, wenn man es richtig tun will. Vor einigen Jahren wäre ich noch mit einem Monatssalär von 500-700 zufrieden gewesen. Jetzt geht’s schon in die Tausende. Man entzieht sich langsam. Ich hätte auch gerne eine Kunstsammlung, aber ich möchte auch produktiv sein. Es ist dieser Schöpfungsdrang, der mich dazu treibt, Bilder zu malen oder zu schreiben. Das wird was, alles viel Arbeit, und bei einer solchen Arbeit wäre mir nichts zu viel. Komisch eigentlich. Bei allem, was ich tue, ein Schuldgefühl.
Liege ich in der Sonne und brate, dann werfe ich mir vor, wie viel ich in dieser Zeit hätte tun können – und wie viel habe ich getan? Mir fehlt noch die Stetigkeit  im Arbeiten, obwohl ich schon viel erreicht habe. Mit meiner Volksschulbildung bin ich manchem Aka-
demiker gewachsen, aber immer des Guten zu viel. Ich hoffe, dass sich meine Vielseitigkeit eines Tages bezahlt macht; nicht in barer Münze, sondern, bei meinen eigentlichen Anlagen, der Malerei und Schreiberei.

20.1.61

Es ist alles Nervensache. Ich habe so das Gefühl, als wenn alle Miseren der Welt auf mich losgelassen worden sind. Es ist aber auch zum Kotzen. Vor mir alles Dunkel
und keine Aussicht auf einen Lichtblick. Wenn doch die Bücher und der ganze Mist schon weg wären. Ich kann es nicht mehr ertragen.
Heute Abend war Pep bei mir und ich beneide Ihn, dass er wieder zur Schule gehen darf.
Warum widerfährt mir so etwas nicht? Soll man denn in diesem verfluchten Leben nur Arbeit machen, die einem keinen Spaß macht. Kinder kriegen und nach geraumer Frist verrecken? Ich will das nicht.

Der wilde Trieb hat dieses Bild erfunden, (...)
und regnen wird es durch die dunklen Stunden,
auch wenn mich dieses Bild verhöhnt
denn stärkend sind erlittene Wunden
wenn Leid und Wissen durch sie tönt.

Ich will mein Leben leben und will es gerne mit den anderen teilen, aber ich will etwas tun, was mir Spaß macht. Dass man auch mal etwas Geld ohne Arbeit brauchen könnte, das fällt dem lieben Gott und den Musen nicht im Traume ein. Jetzt habe ich nur einen Wunsch, möge die Zeit bis Mai so schnell wie möglich vergehen.

23.1.61

Was heißt hier Leben?
Man wird geboren und bekommt Eltern und diese versuchen je nach Maßgabe, uns eine Erziehung beizubringen, und den größten Teil des Weges muss man alleine zurücklegen, weil einem hier niemand helfen kann und darf. Es ist schon ein hartes
Stück Weges zur Menschwerdung. Man bekommt verschiedene Lebenspläne vorgelegt
und man hat die Wahl – und alles ist ein Kompromiss.
Wie ich ihn hasse, den Kompromiss. Eine Halbheit, wir sind alle Dilettanten des Lebens.
Ein konsequentes Leben führen wie die gewaltigen Bekenner und Stimmen der Christenheit. Wie herrlich.
Ich muss nur einen Zeitplan machen, ich muss lernen, zu lernen, um das zu erreichen, was erstrebenswert ist. Es muss.
Es kann sich keiner vorstellen, was für ein harter Kampf es ist, den primitiven Trieb zu
besiegen. Der deutet nach Wohlleben und Müßiggang. Nach Ruhm und Geld. Aber ich
will nicht Ruhm noch Geld, ich will mehr. Ich will schöpfen. Schaffen, zur höheren Ehre Gottes – Omnibus ad maiorem in gloria dei. Denn wer Großes schaffen will, der muss es
Großem widmen. Wer schöpfen will, kreieren, der muss Persönliches, Weltliches außer Acht lassen.

14.4.61

Sahst Du schon jemals
zur Zeit der Eulenflügel

die dunklen Wasser
das schwarze Gewebe der Nacht
zu durchdringen, vermag ihre Haut

Weißer Sand am Meer
Haut

Unter dem blauen Rachen des Himmels
weißer Sand am Meer,
um zu kühlen die fiebrige Stirn
Lippen

ein gut gelungener Schnitt eines Chirurgen
geformt von den spöttischen Wellen
eines Weihers
am Strand verschwindet
die Brandung weißen Sand

Deine Haut
unter dem blauen Rachen des Himmels,
ein großer Opal,
daran die fiebrigen Hände kühlen!
Deine Lippen
Nacktes Fleisch, geformt von
einer spöttischen Nymphe

Unter dem Safran des Mittags
Deine Haut
Ein großer Opal im Schatten des Safrans
er kühlte sich die fiebrigen Hände.

Exposé

Ein junger Maler träumt und sieht in einem Spiegel eine schlanke, grazile Gestalt Pirouetten drehen, dazu Musik. Die Gestalt kommt nach langem Tanzen auf ihn
zu, er sieht sie im Spiegel schon größer werden. In seliger Erwartung des Mädchens
schließt er die Augen, vielleicht auch um nicht von dem Gesicht der Gestalt
enttäuscht zu werden.
Dieses Mädchen streichelt ganz leise seine Augenbrauen und vor den verschlossenen
Augen sieht er das etwas spitzbübische liebe regelmäßige Gesicht der Erscheinung.
Als er die Hände ausstrecken will, legt sie die ihren auf die seinen, gibt ihm einen Kuss auf die Stirn und wirbelt fort, ihm noch zuwinkend, immer kleiner werdend und die Sehnsucht, die ihn ergreift, wird erwidert, indem sie sich ihm zuwendet und die Hände ausstreckt, sich träumerisch dreht und ihm noch einen Handkuss zuwirft.
Mit der Gestalt verschwand auch der Spiegel und (...) es wandelt der junge Künstler, von dem Traum noch umfangen und das Oval des Gesichts noch in Erinnerung.
Er malt und sucht, sucht Vergessen, malt und sucht das Mädchen lange, er sucht in
Cafés und auf der Straße, überall. Eines Tages gelingt es ihm, ein paar Bilder auszustellen. Und am Eröffnungstag sieht er sie.
Genau wie in der Vorstellung, lustig, gescheit, natürlich. Sie kennen sich.
- - -
Ablehnung, negative Erfüllung?

Blass wie der Milchschaum des Morgens,
der Nebeldunst des Flusses am Abend
eine rostfarbene Kugel am Horizont
kündet die Zeit der geflüsterten Worte

3.2.61

Der Zimmersorge endlich entledigt. Dabei – zwei Häuser weiter und 40,- DM billiger.
Bücher weg. Schade. Am Abend mit Herrn Dreyer Abschied.
Wieder mal ziemlich pleite. Wann war ich es noch nicht? Mir geht diese Konsequenzab,  mit der verschiedene Leute das Geldverdienen betreiben.
Mit Dreyer dasselbe. Hat doch alles erreicht! Hat studiert (Volkswirtschaft) und? Wehrt sich gegen die Mechanisierung. Auch einer, der es zu nichts bringt. Woher habe ich nur diesen verfluchten Skrupel? Vom Vati oder von der Mutti?
Bei meinem Vater war es, so glaub ich, alles Kompromiss. Bei der Mutti alles, was sie erreichen konnte. Von wem sollte sie es auch haben. Sie kann opfern. Ich versteh sie manchmal nicht. Aber wenn es mir gut gehen würde, hätte sie keinen Grund, sich so  ummich zu kümmern. Die Tatsache des Sorgenkindes bewahrheitet sich an mir.
Was hatte sie bisher von mir? Undank und Investitionen. Ich wollte, ich könnte es ihr danken. Aber als der Mensch der Zukunft kann ich nur nehmen. Geben werde ich eines Tages und mein größter Wunsch wäre, sie würde es erleben.
Ich habe ein großes Leben vor mir und eingedenk dessen muss ich viel entbehren. Gott helfe mir und möge mich stark machen. Ich muss mein Leben gestalten, dann wird auch etwas daraus. Ich werde mir in den nächsten zwei Jahren den Willen zur Tat und zur spät und zur Konsequenz aneignen. Und dann. Ihr alle, ihr kleinenmüßigen, ihr alten Jäger, ihr Weilands und Reinhardts, ihr werdet die Blüte sich öffnen sehen, es muss geschehen oder ich gehe zugrunde.
Gott helfe mir bei meinem Werk!!! Walter stark besoffen! oder ich muss es schaffen

6.2.61

Während des letzten Monats, der einen ziemlich turbulenten Verlauf nahm, kam ich nicht dazu, etwas oder auch nur Wesentliches aufzuschreiben. In der Zwischenzeit habe ich mein sechs Jahre altes Domizil verlassen müssen. Es tat mir herzlich leid, erstens weil das eine Trennung von meinen Büchern bedeutet, den jahrelangen, langsam immer mehr gewordenen, und oft von Mund abgesparten Begleitern; und zweitens, weil es Abschied von einer Zeit bedeutet, in der ich noch hoffen durfte, zur Schule zu gehen, zu lernen und aufzunehmen, Eindrücke zu verarbeiten. Dieser Traum ist mit meinem zweiten Durchfallen bei der Prüfung des Hessenkollegs ausgeträumt, vorbei, aus.
Den Schlussstrich habe ich auch jetzt noch nicht endgültig gezogen. Irgendein irrsinniges Fünkchen Hoffnung glimmt noch im Verborgenen und lässt mich weiter glauben an meine Sendung als einer der gebildeten, beobachtenden, das uralte Erbe unserer
Kultur in sich aufnehmenden Menschen. Dass mir trotzdem manchmal recht jämmerlich zumute ist, lässt sich denken. Ich will meine Phantasie etwas zügeln und schauen, betrachten, beobachten.
Seit Dezember bin ich recht niedergeschlagen. Und wenn ich nicht während dieser Zeit viel Abwechslung gehabt hätte – nicht auszudenken.

Immerhin habe ich das Gefühl, nur noch auf Besuch zu sein. Und so vertreibe ich meine Zeit mit läppischem Tun sehr fade, aber die Ferne lockt und gibt mir den dazugehörigen Mut, das alles zu ertragen. Arbeiten für nichts, arbeiten und arbeiten. Manchmal, und jetzt schon häufiger, beschleicht mich der Gedanke, sich vorzustellen, wie schön es wäre, verheiratet zu sein. Aber ich träume immer, und das ist gut so, etwas zu teuer, sodass dieser absurde Gedanke bei der Verwirklichung auf in absehbarer Zeit kaum zu beseitigende Hindernisse stößt. Einmal ist da das Hindernis, ein Mädchen nach meiner Vorstellung(?) mit den realen Vorbehalten natürlich, zu finden, und wer soll eine 5-6 Zimmer- Wohnung einrichten und unterhalten. Da hätte ich bei Neckermann bleiben müssen und braver Abteilungsleiter werden müssen. Vorläufig ist weder das  eine noch das andere da. 

An Zähnen – na ja, schweigen wir lieber. Ich bin ein ekelhafter Egoist in dieser Hinsicht, was aber nicht falsch verstanden werden soll. Aber weiß der Teufel, irgendwas hält mich  davon ab, mich richtig zu verlieben. Wahrscheinlich ein guter Stern. (...)  Heiraten ist in erster Linie eine Geldfrage. Hast du Geld, findest Du auch eine Frau. Verständlich, bei dem Grund an Intelligenz, den ich an eine Frau stelle, würde sie und dürfte sie mich nicht heiraten. Dass jemand so vermessen ist, an mich zu glauben, davon bin ich abgekommen, und so schön es wäre, ich will es nicht. Ich muss nun erst einmal Klarheit über mich selbst gewinnen und die nötige Klarheit in mein Leben hineinbringen, dann werden wir sehen.

1. Etwas mehr von dem Grau des Staubs
wäre Dir zu wünschen,
dann könnt ich Dich vielleicht lieben

2. Lass doch die künstlichen Wörter
mir ist nach Natur,
verkümmerte Seele
und nicht nach Zahlen

braun und kernig wie die Scholle,
Augen, so blickt ihr mich an,
die Erde macht nur
den Dekadenten sentimental.

3. Im lauernden Dunkel der Trieb
Sonne bleibe noch, die Nacht ist so lang
Ich werde alt, des Morgens schimmernde Müdigkeit – Hoffnung, die den ereignislosen Tag kennt.
Die Winter stirbt, wo aber bleibt in mir das neue Leben?
Läge ich doch am Strand!
Bloß ein kühler Arm, mich darin zu betten! Und schon begehren die Lippen.
Dieser traurige Tag am Fluss, doch die alten Gegenstände der Kunst vergeltens einem.
So voll Bücher, die ich wünschte, gesehen, auch, waren sie mein Eigen!
Doch dann brauche ich Zeit!

1.4.61

Entwurf für Dichtung

      1. Geburt aus verrotteten Kulturen
      2. die vorgeformten Fußstapfen
      3. ungehobeltes Werk
      4. Zweifel am Dasein
      5. Verzweifelung
      6. Die Abwehr (Verteidigung)
      7. Der Untergang

5.4.61

Heute brachte ich Frau Neu Bücher für ihre Tochter mit, und da entspann sich zwischen
diesen Kulturbanausen und mir eine Diskussion. Ich will sie nicht überzeugen, denn es geht  auch gar nicht, es bleibt nichts übrig. Alles, was dem Menschen Mühe macht, schadet. Die tägliche Arbeit, dieses stumpfsinnige Absitzen der Stunden, all das kommt ihnen nur sehr vage zu Bewusstsein. Aber für diese Zeit werden sie bezahlt und
für den Lohn können sie sich etwas kaufen. Beschäftigung mit Kunst bringt nichts ein,
ergo, keinen Gedanken daran verschwenden. Am Ende des Gespräches sagte
mir dann Frau Neu, ich wäre hervorragend zum Jesuiten geeignet.
Warum? Weil ich gut erklären kann und weil ich Sachkenntnis habe. Jetzt muss ich mir noch angewöhnen, aggressiv zu sein, dann ist mein Spiel schon gewonnen.

Man ist geneigt zu sagen, dass man dem Leben die guten Seiten abgewinnen will. Das Leben ist eine relative Angelegenheit und trotzdem ich bisher der panglossschen Denkmethode, einem Leibnizschen Optimismus huldigte, ist mir diese Methode ernsthaft zuwider. Man gaukelt sich etwas vor und schon fliegt der bereite Geist auf hochtrabenden Spuren einher, aus denen es nur ein grausiges, nacktes Erwachen gibt. Zum Schluss ist man dann eine Mimose.
Das Leben fordert keine Relationen, sondern Positionen, und zwar sehr eindeutige und damit die Konsequenz in radikaler Form. Warum kann man nicht radikal genug sein?

Ein wenig besser würde er leben, hättest Du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben.

Es ist auch nur ein Schein, der aber ausreicht, aus gemischt fressenden Tieren verwirrte Bestien zu machen. Dieser Schein ist auch zur Hälfte Schein. Diese Einflüsse, die ausgeübt werden, sind so vielfältig und zufällig, dass nur ein Fatalist sagt – Schicksal.
Mir hat dieses verdammte Schicksal aufgebürdet, Kellner zu sein, aber beim Arsch des  Propheten, ich sträube mich dagegen. Und die Zeit wird es zeigen, ob ich mich mit Recht sträubte. Jetzt sage ich noch ja nicht aus Optimismus, sondern weil ich will + muss.

6.4.61

Trotzdem mir nichts einfallen will, werde ich etwas schreiben. Heute Abend endlich meine Schulden vom Schwabe abgetragen. 50,- , sehr hart, wurde auch Zeit.

Als ich das schöne Lied sang: „Wenn ich groß bin, liebe Mutti“, war ich noch sehr jung. Jetzt, wo ich 29 werde, befällt mich der Gedanke, dass ich eigentlich viel gutzumachen habe. Ich kann diesen Gedanken nicht ausspinnen, weil mir übel dabei wird. Es ist eben alles wieder auf die Geldfrage zurückzuführen.
Ich bin müde und möchte gerne wieder einmal lieben.

Gestern habe ich bei Manthe ein Mädchen gesehen, das fast mein Geschmack wäre. Groß, schlank und eine sehr edle Figur. Sie hatte einen dieser lässigen Pullover an, die den Oberkörper sehr breit machen. Die Frauen, die etwas rundlich  gebaut sind, ist es etwas Selbstverständliches, wenn am Ende dieses Bekleidungsstückes eine kräftige dorsale Protuberanz zutage tritt; nicht so bei ihr, einen gertenschlanken Körper umhüllte dieses saloppe Behältnis des Oberkörpers, dem ein wohlausgebildeter und wohlausgewogener Busen zu eigen war. Was etwas störte, war, das sie das „g“ wie „j“ aussprach, was darauf schließen lässt, dass ihre Abstammung ostpreußischer oder pommerscher Art ist. Die Frisur bestand aus einer eingesteckten Rolle, die den Hinterkopf in zwei ungleiche Hälften teilten.
(Skizze des Kopfes)
Sie hatte, wenn ich mich nicht sehr irre, graublaue bzw. graue Augen, die mich erst nicht ansahen, um dann, mit einem raffinierten Aufschlag, mich mit der ganzen Wucht ihrer sanften Verschlagenheit zu überfallen. Zunächst war ich etwas verwirrt, zumal sie ganz entzückende Ansätze von Lachgrübchen in ihren Wangen hatte. Das Timbre  ihrer Stimme war ähnlich dem Marianne, wenn ich  es heut bedenke, beim Lachen brach die Stimme etwas in Richtung Diskant. Ich mag so etwas gern. Die Aussicht, sie wiederzusehen, sind gering. Außerdem ist sie zu hübsch um noch frei zu sein, und wenn, dann kostet die Kleinigkeit etwas, nun das Vergnügen, mit ihr sich sehen lassen. C'est la vie!

9.4.61

Ein spätes Abendrot, das früh ein blasses Haus umspannt
die unbenutzten Wasser gleiten
ich sah einen jener seltenen Krüge des frühen Hellas,
diese kostbaren Gefäße, im Abendrot verkleidet.

17.4.61

Heute habe ich nun die Aufgabe, zu berichten von Helga, die ich am letzten Sonntag kennen und lieben lernte.
Die auf den vorigen Seiten beschriebene Frau habe ich darüber vergessen, obwohl mir auch dieser Typ noch im Kopf schwirrt.
Helga ist ein Kind aus Frankfurt, das aber kein Schlappmaul hat. Soweit mir scheint, hat sie Interessen, die aber durch die Umgebung ziemlich verflacht sind. Ihr Haar hat ein stumpfes helles Rot, dass mit dem Abendrot auf der Bronzeplastik richtig umschrieben ist. Sie hat eine zarte und weiche Haut, die im Licht einen matten Schimmer hat. Ihre Zärtlichkeit ist von der Art, wie ich sie mir wünsche, und ihr Lachen hat den etwas spröden und  brechenden Klang, der auch den besonderen Reiz ihrer etwas belegten Stimme ausmacht. Zwei Brüste, die zart wie Mondenschein, und in ihrer Mitte ein kupferner Vollmond. Noch ist sie hübsch. Wie wird sie später? Auf jeden Fall hat sie bewirkt, dass ich seit langer Zeit wieder anfange, literarisch produktiv zu sein. Mein erstes Sonett galt ihr, und schon dafür bin ich ihr dankbar. Ich würde sie lieben, aber dazu gehört Geld und Geld ...

Sie zu ernähren und zu unterhalten, dazu gehört u. a. auch eben dies.

Kann jemand so lügen? Glaubt sie an mich?
Ich möchte so unendlich zärtlich zu ihr sein, dabei dreht es sich nicht um Helga selbst. Aber sie streichelt mich und küsst mir die Hände. Stelle man sich das vor. Es ist vielleicht nur eine Illusion, aber ich werde nach meinem Geschmack geliebt und darf sie ebenso verehren. Ich möchte zu dem Mädchen emporblicken und sie soll stolz auf mich sein. Es ist  diese eine unabdingbare Eigenschaft von dem, was ich unter Liebe verstehe: gegenseitige Achtung voreinander haben. Diese Achtung schafft eine gewisse Distanz, die es erlaubt, ein einigermaßen auskömmliches Beieinandersein zu schaffen. Denn diese Distanz lässt der Vernunft und der Höflichkeit so viel Raum, dass Konflikte auch auf dieser Ebene ausgetragen werden. Und damit wird der Gemeinschaft viel Zündstoff genommen. Diese Konflikte bei Ehen ergeben sich immer aus der ungenügenden  Trennung der Individuen. Jeder muss seine eigene Art behalten und sich selbst auf den anderen abstimmen. Ein Prozess, der meist übergangen wird und zur Aufgabe der Eigenständigkeit des einen Partners führt, je nach Stärke der Charaktere.

Anfang Mai begibt sich Reinhardt nach schwerem, herzlichen Abschied in Frankfurt von seinen Freunden Rudi, Franz und Herbert – und einem etwas kühleren von Helga – nach Brüssel, von dort fährt er nach Rotterdam an den Starthafen. Er schreibt von Begegnungen mit Frauen, hat Gesellschaft von einem Perser, der ihm als willkommener, wenn auch uninteressanter Gesprächpartner dient. Walter findet in diesen Tagen vor der Abfahrt ein wenig Zeit, sich über sein Leben und seine Zukunft Gedanken zu machen, insbesondere seine Beziehungen zu den Menschen, die er kennt. Begegnungen mit Kunstwerken in den Museen beflügeln ihn, er fühlt, dass er schaffen und schöpfen kann und muss. Er fühlt sich zu Höherem berufen, als nur eine Familie zu gründen. Sein Traum ist es, genug Geld zu haben, um Bücher lesen und sich eine Kunstsammlung aufbauen zu können.

7.5.61 Rotterdam

Heute im Museum Boijmans van Beuningen gewesen und ein paar Aufnahmen gemacht. Das Museum war etwas größer als das Städel und war sehr gut ausgestattet.
Endlich habe ich einen Hieronymus Bosch von guter Qualität gesehen.
Erstens der Heil. Christophorus und zweitens die Hochzeit zu Kana. Bemerkenswert war der verlorene Sohn, der in nur einem Farbton gemalt war und mit den skurrilen Zusammensetzungen von Bosch ausgestaltet war. Dann ein Frans Hals, wie ich ihn
nicht kannte. Nicht diese steife Malerei, mit der er mir bisher begegnete, sondern ein lebendiges Bild eines Burschen mit einer Bärenfellmütze. Die Details sind einer groben Schau gewichen, der wesentliche Farbton Grün.

Ich glaube die ersten Ansätze in mir zu verspüren, dass aus mir ein Kunstkenner wird. Ich kann jetzt unter den vielen Bildern eines Saales schon erkennen, was ein Rubens ist. Ebenso geht es mir mit Bosch, Jawlensky, Winter, Baumeister und einigen anderen. So auch Jordaens. Ich muss noch heraus finden, wer die verschiedenen Jordaens waren. 1. Salomon + 2. ?
Breughel in seiner naiven Art sagt mir ausgesprochen zu. Im Museum der Turm von Babel. Viel dunkler, als ich es von den Reproduktionen her gewohnt bin. Vielleicht gibt es auch zwei, jedenfalls stellte ich mir das Bild größer vor.
Diese Museen werde ich öfters besuchen.

An sich bin ich im Augenblick  mit meinem Schicksal ausgesöhnt. Ich sehe viel und eine fortwährende Abwechslung betäubt meine Sorge um meine Zukunft. Ich habe nur die Hoffnung, viel Geld zu verdienen, um mich selbstständig zu machen und noch mehr von diesem widerlichem Zeug zu verdienen. Nur zu dem Zwecke, einmal Zeit zu haben, Bücher zu kaufen und zu lesen, und mir, soweit es möglich ist, eine Kunstsammlung aufzubauen. Zu all dem gehört natürlich auch ein gemütliches Heim, nach dem Prinzip „my home is my castle“.

Ich lasse mich treiben, plötzlich komme ich mir sehr alt vor. Nur noch ein gewisser Trieb zu jungen Menschen lässt mich die Wirklichkeit spüren. Da sind meine Sehnsüchte, die heimlich zu den Fenstern dieser großen Wohnung fliegen, die ein junges Mädchen auf der Straße anfallen. Aber diese vielen nichtssagenden Gesichter im Sonnenschein, oder im Licht der Neonröhre, sie ziehen vorbei wie all die Gesichter, die mir in den Städten und zu allen Zeiten begegnet sind.
Was steckt dahinter? Alle Fragen bleiben unbeantwortet, weil sie mir eine verschlossene Welt bleiben werden. Weil ich mich nie in so viele Menschen hineinversetzen kann.
Nur Charaktere, die mir naheliegen, blühen in meiner Phantasie auf. Ich lebe deren Leben und werde durch sie wieder leidensfähig.
Da ist der persische Kaufmann, der nur in Fortbewegungen und Geld denkt. Da ist der verträumte Italiener, der, gerissen und raffiniert, Geld verdient nur für die Familia. Da ist Helga, die nur älteren und jungen, schönen Tigern die Gunst erweist, sie besitzen zu dürfen. Da ist Franz, der sich aufgegeben hat, Resignation bis zum Ende. Da ist Rudi, der hofft. Und Edith, die ich nicht kenne. Ich halte sie für falsch, aber man kann sich täuschen.

Ich wünsche Rudi, dass er Glück hat. So wie ich allen wünsche, dass sie ihr Glück finden. Ob ich meines jemals finde? Oder bin ich Narziss? Ich werde warten, und lieber allein bleiben als resignieren. Und nur für die Familie? Nie. Ich muss ich werden und es dann bleiben.
Wen soll ich anflehen, dass ich es werde. Eines weiß ich bestimmt, ich bin zu Höherem ausersehen als nur zum Geldverdienen, für die Familie arbeiten, um dann zu sterben. Unter den Millionen Möglichkeiten, die es gibt, häufen sich bei mir die Eigenschaften, die mich befähigen, zu schaffen und schöpfen. Daran glaube ich, auch wenn ich manchmal der Verzweiflung nahe bin.
Verzweiflung ist gut, sehr gut, denn sie beweist, dass man noch fühlen kann, dass einen noch etwas bewegt.

Auf der zweiten Fahrt nach New York (1961)

Ich habe mir das Biertrinken angewöhnt. Und ich muss mich bei dir, liebes Tagebuch entschuldigen, dass ich so lange nicht von mir hören ließ. Auch jetzt bleibt mir nur kurze Frist einer Viertelstunde, um mich Dir mitzuteilen. Diese Schrift ist teilweise vom Alkohol und von der Müdigkeit beeinflusst.

Das Meer ist wie der Himmel, gewaltig und in seiner Wandlungsfähigkeit betörend, und anziehend in seiner Größe. Dieses Leben auf dem Schiff, es hat mir gefehlt, es wird mich noch sehr erziehen. Ich muss mich gewaltig anstrengen, um den Anfordernissen gerecht zu werden.
Lieber Gott, gib mir Zeit, um all die vielen Eindrücke zu verwerten und festzuhalten.
Die meisten Menschen auf diesem Schiff sind sehr nett. Von Intellekt keine Spur, aber ... die Leute haben teilweise Format, das harte Leben an Bord prägt, und ich hoffe, dass es bei mir auch prägend wirkt.
Ich möchte diese Welt, in der wir gefangen sind, bewahren, und mich daran erinnern können, was für ein kleines Wesen der Mensch ist, trotz der Lügen und für die Verhältnisse des normalen Menschen enge Welt ist.

2.6.61

Tja, der Kahn schaukelt ein bisschen und bisher war ich noch nicht seekrank. Ich fühlte mich ganz wohl auf dem Dampfer. Es hat noch den Reiz des Abenteuerlichen und Neuen. Ich muss das 5-8 Jahre aushalten, und mir in der Zeit so viel Geld sparen, dass ich hiernach ein Leben führen kann, das mir erlaubt, meinen Neigungen nachzugehen. Nur nicht alles ausgeben. Viele sind sauer und werden abmustern. Aber ich will mich durchsetzen.

Die Eintragungen in diesen Monaten erfolgen zum Teil in größeren Abständen, er berichtet von Erlebnissen und Eindrücken auf dem Schiff, in Rotterdam, in New York. Helga beschäftigt ihn, er ist wütend, doch letztlich setzt er seinen Gedanken, ihr einen „gepfefferten Brief“ zu schrieben, doch nicht um. Er trifft Mädchen, verbringt nette Stunden, doch es ist nichts Ernsteres darunter. Bücher und Kunsterlebnisse stimmen ihn besser.
Die ersten Reisen nach und von New York bleiben aus Walters Sicht auf menschlicher Seite belanglos, die Menschen erscheinen ihm allenfalls oberflächlich weltmännisch, ohne Interesse an Bildung und „Höherem“. Er fürchtet nach dem Genuss von neuen Reizen wieder das Gefühl der „Abgeschmacktheit“ des Lebens und fragt sich, ob er zum Menschenverächter wird.

3.6.61

Deine sanften Lippen versprachen viel vom Unfug der Liebe, aber in dieser Zeit ist es wichtig, Bekanntschaften zu machen, die vielleicht bestimmend sein könnten für die Zukunft. Beziehungen nutzen nur wenigen, weißt Du aber, ob Du einer der wenigen bist, dem sie nutzen. Frei soll der Mensch sein und sauber in seinem Tun. Was aber ist er?
Ein Spielball der Mächte, die die meisten beherrschen. Du möchtest das Leben greifen und weißt bereits, wie abgeschmackt es ist. Vorher, bei allen Genüssen, ist es der Reiz des Neuen und nachher wusste man es bereits, wie es sich abspielt. Das Leben kann eine abgeschmackte Angelegenheit sein, vor allem wenn man anspruchsvoll ist. Und man wird anspruchsvoll, wenn man einen gewissen Grad von Bildung mit einem Charakter hat, oder wenn man Geld hat. Unter allen Frauen, gleich welcher Hautfarbe, findet sich keine, die eher anderen gleicht und im Prinzip ist alles immer dasselbe. Ich werde die fremden, fernen Länder sehen, aber wie? Gott helfe mir.

4.6.61

Heute Abend ist im Newsroom Film. Da es dort dunkel ist, werden mich die anderen nicht sehr vermissen. Es hat sich bei mir das Gefühl breitgemacht, dass ich mich bei einem Teil meiner Kollegen nicht einer allzu großen Beliebtheit erfreue. Es scheiden sich halt die Geister. Sollten sie handgreiflich werden, werde ich mich meiner Haut wehren.

Welch ein Segen, dass ich die Bücher, die wenigen, die ich mitgenommen habe, nicht nach Hause geschickt habe. Wenigstens ein Lichtblick in meinem finsteren Dasein.

Unter den Passagieren manchmal sehr nett erscheinende Menschen, aber bei näherem Beobachten oberflächlich wie immer, nur hier manchmal etwas weltmännisch verbrämt. Wenn das so weitergeht, dann entwickele ich mich zum Verächter, und das ist nicht gerade das, was mir vorschwebt.

Primitivität ist wie immer Trumpf. Meine Sorge um den Fortbestand der Menschheit ohne Grund. Und dieser Menschheit ist nun schon gar nicht beizukommen. Und – besser wäre, dass nichts entstünde. Nur mir und Gleichgesinnten fällt es auf, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Mir drängt sich gerade der Vergleich der beiden Kirchen St. Gudule und St. Paul auf. St. Gudule, im Stile der französischen Gotik gebaut, bewahrt ihre Eigenständigkeit auch in einer modernen Umgebung. Dieser schlanke Bau mit seinen vollen, filigranartigen Verzierungen lässt spüren, wie die Hand des Menschen zur Meisterschaft gereift und eine harmonische Bauweise entwickelt. Wenn man es aus heutiger Sicht betrachtet, dann ist all dies eine vollendete Leistung. Bei dieser harmonischen Leistung beschleicht mich immer der Zweifel, ob nicht doch der Zufall sehr stark mitgewirkt hat. So zum Beispiel der „Grote Markt“ in Brüssel. Mit Ausnahme des Maison du Roi und des Hotel de Ville sind die anderen Häuser nicht sehr hübsch, es sind Musterbeispiele eines etwas verschrobenen Barock (nicht der gekonnten). Nur die Überraschung, innerhalb einer modernen Stadt, wie sie Brüssel ist, auf einem geschlossenen Platz einer Bauweise gegenüberzutreten – und dann der überwältigende Eindruck des Hotel de Ville, den man nur noch in Büchern zu finden glaubt, das ist niederschmetternd (Dias).

13. Juni 61

Ich war im Metropolitan Museum of Art. Dies war bisher das größte Erlebnis auf dem Gebiete der Kunst. Ich konnte nur den Main Floor und den Second Floor besichtigen. Und das war schon zu viel. Man sollte für jede Abteilung einen Tag nehmen. Das wären an die 200 Tage, und so bin ich leider gezwungen, alles im Zeitraffer mitzunehmen. Auf jeden Fall war das nicht das letzte Mal, dass ich dort meine Freizeit verbracht habe, lass doch die anderen Baden fahren, ich muss das Wertvolle, das mir in meinem Leben geboten wird, bewahren und aufsuchen, was aber ist wertvoller als Kultur in kompensierter Form, wie sie einem in einem Museum geboten wird.
Das soll nicht heißen, dass ich den Verkehr mit alten Gegenständen der Kultur dem menschlichen Kontakt vorziehe. Ich bin ja auf diesem Dampfer gezwungen, Kontakt zu halten. Aber das sind Sachen, wie sie mir nicht zu oft in meinem Leben geboten werden, wohingegen der menschliche Kontakt immer gepflegt werden kann.
Der Mensch, der in der Lage ist, einem Kunstwerk den geheimen Tönen seines Inhaltes auf die Spur zu kommen, und wenn es nur ein Portrait ist, der hat von seinem Leben mehr, denn es ist das eine grundsätzliche Einstellung dem Leben gegenüber. Am Anfang imitiert er die Kunst in seinem Leben, bis er auch mit der Zeit einen eigenen Stil in seinem Leben, in der Betrachtungsweise des Lebens und auch im Umgang mit den Menschen bekommt.
Solch einen Menschen heißen wir einen Profilierten oder einen Menschen, der eigenständig durchs Leben geht. Tatsächlich erzieht einen die Kunst zum Nachdenken auch außerhalb ihrer spezifischen Sphäre, nämlich im Leben, das man lebt. Man sucht nach einiger Zeit nach wirklichen Beispielen von dem, was man sich beim Betrachten eines Kunstwerkes eingeprägt hat. Was den wirklich gebildeten Menschen auszeichnet oder auch kennzeichnet, ist zuerst die Geduld und zweitens die Höflichkeit, beides Eigenschaften, die man leider so selten antrifft. Das eine Kunstwerk ist wie eine zarte, sehr eigenwillige, temperamentvolle und sensible Frau. Da hilft keine Frechheit und kein Draufgängertum, sondern nur Geduld, und davon viel. Und Höflichkeit, denn man darf nicht indiskret  werden, sondern muss warten, bis die junge Dame sich bequemt, einiges von sich mitzuteilen.

17. Juni – Rotterdam

Heute Morgen sind wir glücklich angekommen. Hatte ziemlich die Nase voll und war froh, als ich vom Dampfer runter war. Verdienst war einigermaßen.
Mir ist die Idee gekommen, nach Beendigung der Reise mich als Reiseleiter bei der Touropa zu versuchen. Allerdings muss ich dann Französisch lernen und mein Englisch wesentlich verbessern. Geld ist dort zu verdienen und auch sonst etwas zu machen.
Dann war ich in einem Bücherladen in der Nähe der Lijenbaan. Bücher und billig, alles, was das Herz begehrt, in allen Sprachen. Ich muss demnächst wieder etwas malen. Sonst verkümmern meine Talente. Und es geht auf jeden Fall um die „Talente“.

Wenn mir doch bloß eine Idee käme, aber nichts. Nur das eine Bedürfnis, mich mit einem Weibe zu paaren. Auf dass denn bald es werde.
Im Übrigen merke ich bei mir immer mehr den Hang oder die Anlage, ein Einzelgänger zu werden, aber nicht ein offensichtlicher. Der Kontakt pflegt mit seinen Mitmenschen, aber doch immer einsam bleibt. Ich merke das vor allen Dingen an dem Umgang mit meinen Kollegen, ob es Kellner oder Köche sind, alle sind mir gleich fremd.

Ich bin
fremd
auf
dieser
Welt.
Walter

Ich war selten so arg besoffen wie heute!

15.6.61

Gestern im Rijksmuseum gewesen und mir die Gemäldegalerie angesehen. Viele Niederländer –  aber viel zu viel.
Die Riesenschinken von Rembrandt und Troost sagen mir nicht viel, nur des Themas wegen und im Farbauftrag vermögen sie eine etwas widerwillige Bewunderung in mir wachzurufen.
Dagegen waren die kleinen Bilder, die man getrost als Miniaturen bezeichnen kann, ausgezeichnet. Es war dort eine Szene, die durch die Brillanz der Ausführung wie in der Komposition bewirkte, dass ich stehen bleiben musste und mir die Angelegenheit länger betrachtete. Der Inhalt des Bildes stellte eine Gesellschaft im Freien dar, auf der linken Seite die Musikanten, eine Laute. Ein Cello und ein Bass, dabei die angeheiterten, sich zuprostenden Leute, die rechte Seite bestimmte ein Trinker, der auf den Boden gefallen war und nur noch von einer Frau gehalten wurde. Diese Szene gibt einen Ausschnitt aus den frühesten und trinkfreudigen alten Niederlanden wieder. Und man hat nicht den Eindruck, dass die Szene gestellt ist. Ein Ausschnitt aus dem Leben, wie es auch heute, wenn auch mit anderer Kleidung, durchaus möglich ist.

9.7.61

Seither sind wieder 3 Wochen ins Land gegangen und der ersehnte Umschwung ist nicht gekommen. Lang waren diese 21 Tage und allerhand gesehen habe ich auch. In New York war ich in Greenwich Village. Ein sogenanntes Künstlerviertel. In einem Playhouse sang ein Jüngling Folksongs und ich sah einen Kurz-Stummfilm von und mit Charlie Chaplin. Am anderen Tag besuchte ich die Frick Collection. Ich machte mir nicht allzu große Versprechungen davon. Als ich aber dann in den Ausstellungsräumen war, war ich höchst erstaunt, solche auserlesenen Schönheiten in diesem Steinhaufen zu finden. Das ist das ideale Museum, von dem ich träumte.
Inmitten eines mit kostbaren Möbeln ausgestatteten Raumes hängen als angemessene Wandbekleidung die Gemälde. Selbst noch so wertvolle Gemälde sind im Grunde genommen nichts als Wandbekleidungen-Tapeten. In dem Museum sind die Bilder Hauptgegenstand des Raumes, was an sich im Widerspruch zur ursprünglichen Bedeutung der Bilder steht. Das Bild ist ein Attribut an den Raum und je nach Größe des Raumes und Größe der Bilder ist nur eine beschränkte Anzahl bzw. un? zulässig. Was darüber hinausgeht, ist verwirrend und lenkt vom Bild bzw. von den darauf dargestellten Gegenständen ab.

15.7.61

Expose

Ein schwerreicher Mann, der sein Geld auf nicht redliche Weise erworben hat, tritt als Mäzen hervor, auch hat er einige Bände Lyrik und Prosa verfasst und einige Preise eingeheimst. Im Ganzen ein Mensch mit – wie man sagt – Kultur und Bildung, und er ist von der Idee besessen, den Untergang der Welt zu betreiben, der für ihn das einzig Lebenswerte darstellt. Nicht weil er dieses Leben jemandem nicht gönnt, sondern weil er weiß, wie von anderen, dass der Untergang nicht mehr aufzuhalten ist. Er will es kurz und schmerzlos haben. --------
Ich lasse mich treiben, und das ist nicht gut, aber ich habe das Gefühl, dass ich mich langsam wieder fange.
Ich sehne mich nach ein paar einsamen Stunden mit einem Mädchen, das ich lieben kann und das mich liebt, Stunden, in denen ich malen und erfinden kann. Stunden, in denen ich endlich etwas Neues sehen kann. Jetzt bin ich ausgebrannt und trocken und sauge auf. Ich bin immer noch der Ansicht, etwas Besonderes zu sein. Auch wenn die wenigsten etwas davon sehen.

1.8.61

Ich muss unbedingt fleißiger werden. In Rotterdam furchtbar besoffen gewesen und allerlei Blödsinn getrieben.
So langsam aber sicher wird das Leben an Bord zur Gewohnheit und daher immer leichter. Immerhin habe ich drei Monate dazu gebraucht.
Aber auch das Gefühl, die Welt zu sehen und mit offenen Augen durchzugehen, gibt einem ein wesentlich freieres Gefühl. Und man merkt, man wird ein Mann.

Edinburgh und Bergen sind die nächsten Stationen. Von den beiden Städten sieht er kaum etwas, verbringt lediglich eine nette Nacht mit Kari Oeren in den Stjensalen. Nach der zweiten Fahrt nach New York kehrt er nach Rotterdam zurück, wo er Joke kennenlernt. Er sieht sich wieder bestärkt in seinem Wunsch, malen, schreiben, modellieren zu können. Ihn beschäftigt die „sterile Sorglosigkeit“, die auf dem Dampfer herrscht.
Auch mit seinen Kollegen unterhält er sich über ihr Leben und die Alternativen dazu. Er gibt einen Wortwechsel wieder, in dem es darum geht, dass der ständige Wechsel zwischen dem Schuften auf dem „Kahn“ und dem leichtfertigen Ausgeben des in den drei Wochen verdienten Geldes auf Dauer kein Leben ist – aber die Kollegen sehen dazu keine wirkliche Alternative. 

Und da ist noch etwas, wofür soll er (Ernst Wunsch) leben? Wofür? Das ist in auch in den Fragen ‚Woher und Wohin’? enthalten. Selbst in solchen unbedarften Menschen regt sich das Faust-Problem, alle Nähe, alle Ferne befriedigt nicht die tiefbewegte Brust. Es ist eben nicht aller Hunger mit Geld und Brot und Geschlechtstrieb zu stillen, es fehlen die stillen Sekunden des Nachdenkens und In-sich-Gehens und es fehlen die Aufgaben.
Wer gibt uns noch eine Aufgabe, auf die man zuarbeiten kann, ohne den geringsten Zweifel zu haben, dass der Weg zu weit oder zu beschwerlich sei.
Es ist dies der Fluch der Freiheit. Der Fluch der Auswahl. Wie mit dem Essen. Steht nur ein Menü zur Verfügung, dann müssten es alle essen, wenn sie nicht verhungern wollen. Bei a-la-carte-Essen steht’s schon anders: Viele essen, was sie gerne essen, also auch zu Hause bekommen. Ich bestelle  grundsätzlich das, was ich nicht bekomme oder aber, worauf ich gerade Hunger verspüre.
Auswahlmöglichkeit beschränkte sich aber nicht nur auf Höhe und Tiefe, sondern auch auf Weite als dritter Dimension.

Es gibt Dinge auf dieser Welt, die außerhalb des Erfahrungsbereichs liegen.
Es gibt Menschen, die ein Wissensgebiet bis zur größtmöglichen Tiefe ausschürfen. Deswegen brauchen sie noch keine gottbegnadeten Menschen sein, denn sie können dies durch Fleiß erworben haben.
Bismarck sagte einmal: „Genie ist zu 98% Fleiß.“ Es kommt aber auf die 2% an und es gibt eben viele, denen diese 2% fehlen. Dann geht’s eben nicht, das ist es, was ich als Höhe bezeichnen möchte.
Beim Durchblättern des Katalogs in einer Buchhandlung fiel mir ein Unterschied  zwischen dem französischen und dem deutschen Surrealismus auf.
Im Deutschen von Max Ernst, den ich als einen der wenigen eigenständigen Surrealisten anerkenne, ist ein verficktes Chaos von (...) Ausmaß, während bei Dali + Tanguy die Gegenstände scheinbar zusammenhangslos in den Raum gesetzt werden. Bosch!

Aus dem Saum der Zeit ein Stück gerissen, habe ich, ich, der ich lebe in einer Zeit der Finsternisse und der heimlichen Pest,
Zeit, was habe ich verbrochen, was habe ich verloren an Zeit?
Und wie habe ich sie genutzt?
Herr, dem Armen der Goldreif schlecht, so schenke mir einen aus Eisen und schlicht, aber mit Geschmack.

Freitag, den 1. Sept. 61

Heute Abend, als ich ruhig und friedlich auf der Brille saß, fiel mir beim Abreißen der Rolle dieselbe in die Hose. Erst habe ich dumm geschaut und dann überlegt, was das zu bedeuten hat. Da habe ich mir zusammengereimt, dass das bedeutet, dass mir ein un- erwartetes Geschenk vom Himmel zufällt. Daran erkenne ich wieder einmal, dass ich abergläubisch bin wie eine alte Frau.
Das hat aber auch sein Gutes. Denn man hält dadurch einen latenten Optimismus aufrecht, der durch nichts gerechtfertigt ist. Ich habe mit der Zeit gelernt, an mein Glück zu glauben, und das ist gut: Die wenigen Glücksfälle, die einem im Leben zufallen, reichen nicht aus, um es erträglich zu gestalten, so muss man halt etwas nachhelfen. Dieses Nachhelfen hat bewirkt, dass ich daran glaube, dass ich auch beruflich, künstlerisch und auch in der Liebe es zu Erfolg bringen werde (Liebe meint, dass ich
ein Weib bekomme, mit dem eine ideale Ehe führen werde, daß erhebliches Geld mitbringt und das ich mir eine entsprechende Lebensführung mit ihr erlauben kann).

9.9.61-18.9.61

Zwei Tage frei bekommen und diese dazu verwendet, nach Washington zu fahren. Günther Heinzes Bruder war auf Besuch und mit diesem fuhren wir dorthin.
Am ersten Tag die Stadt angesehen und am anderen Tag in der National Gallery gewesen und dort den ganzen Tag verbracht. Sehr schöne Sachen, endlich mal wieder seit langer Zeit Gemälde von guter Qualität gesehen. Was mich vor allem entzückt und erquickt hat, waren die Italiener, es war das erste Mal, dass ich so viele Italiener auf einmal gesehen habe.
Die Fahrt von Washington nach New York war schön. In Baltimore,  das arme Volk, bei der Hitze auf den Straßen. Dann die langsame Näherung an New York, wie erst wenige, dann viele Lichter den Horizont bewohnten, bis zu guter Letzt nur ein Meer von Lichtern war, aus denen sich die majestätische Silhouette von Manhattan heraushebt.
Ich finde es eigentlich ganz gut, dass ich erst so spät auf Reisen gegangen bin, ich glaube, ich habe mehr davon, als wenn ich noch jung gewesen wäre. Gewiss, vor mir  steht das Gespenst des „Was soll werden?“ Aber ist das denn so wichtig? Es wird etwas aus mir, bloß nichts überhasten und ruhig bleiben, fleißig viel fleißiger notieren und wach bleiben, alles andere kommt von selbst.

Im Oktober trifft Reinhardt wieder in Frankfurt ein. Seine Urlaubstage verbringt er in Rotterdam, zwei Tage in Frankfurt und fährt dann nach Hause zur Mutter nach SZ-Lebenstedt. Von Helga, die er zufällig in Frankfurt auf dem Bahnsteig trifft, ist er enttäuscht. Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen. Er freut sich über Post von Günther Heinze, den er in Amerika näher kennengelernt hat. An seinem Heimatort fühlt er sich „nicht Fisch, nicht Fleisch“. Er zeigt sich beeindruckt von dem Film „Die Ehe des Herrn Mississippi“, einer Dürrenmatt-Verfilmung, in der „jeder nach seinen Vorstellungen die Welt verändern will, aber alle drei scheitern, weil sie zu wenig elastisch den Widerwillen der Mitmenschen gegen Änderungen in ihrer Lebensweise einkalkulieren.“
Zurück in Frankfurt, fürchtet er, zu einem „normalen Menschen“ zu werden, was er als „Vermassungsprozess“ bezeichnet. Er macht Inventur, wirft nahezu alles, was er sich für die Prüfung angeschafft hatte, fort – und langweilt sich. Er überlegt sogar, das Tagebuchschreiben, das ja nun überflüssig würde, aufzugeben. Seine Lektüre besteht aus „primitiv geschriebenen“ Zukunftsromanen, nach intelligenten Werken steht ihm nicht der Sinn. In einer Ausgabe des Magazins „Twen“ liest er Interviews mit erfolgreichen Autoren und stellt fest, dass auf dem Buchmarkt das Niveau keine Rolle spielt, sondern lediglich der sich in Geld auszahlende Erfolg beim Leser zählt. Er lehnt diese kommerzielle Ausrichtung des Schreibens ab, will in erster Linie für sich schreiben. Andererseits möchte er auch einen finanziellen Rückhalt haben, der ihm erlaubt, so zu schreiben und zu malen, wie er es will und nicht, wie man es verlangt.

Es gilt nun, die Tage bis zur nächsten Cruise herumzubringen. Wieder geht es nach Rotterdam und dann nach New York, aber diesmal als Chef und mit wenig Gepäck: Nur wenige Bücher und das Schachspiel will er mitnehmen. Kurz vor der Abfahrt erfährt er einen unerwarteten und auch unerwünschten Zuneigungsbeweis eines „älteren Mädchens“, doch er bedauert die Sinnlosigkeit solcher erzwungenen Zärtlichkeiten. In der Regel erfüllt er seine Liebessehnsucht bei Huren und weiß doch, dass er dem „Phantom der Liebe“ auf diese Weise an der falschen Stelle nachjagt. In New York genießt er die Kunst und erkundigt sich näher nach einer Tätigkeit als Reiseleiter.

10.11.61

Wir befinden uns nun auf der Rückreise.
Erst sollte ich als Commis auf der Cruise fahren, dann bekam ich die Zusage, dass ich als Chef fahren kann. Das waren sehr ärgerliche Stunden. In N.Y. am freien Tag in den Cloisters gewesen. Erst musste ich verschiedene Avenues kreuzen und dann ging ich durch einen schönen, herbstlichen Park den Cloisters entgegen. Die Landschaft mit ihrem rostigen Laub und der selbstsichere Bau der Cloisters gaben der Landschaft etwas majestätisch Schwermütiges. Und ich wurde mir bewusst, dass ich in einer gewaltigen Umgebung war.
Was mich im Museum selbst begeisterte, waren einmal die Stundenbücher und zum  anderen das spanische Kruzifix und die Pieta.
Des Abends war ich dann bei Wolfram. Ich habe mich bei ihm eingehend erkundigt über einen Reiseleiterjob. Nicht schlecht. Überlegen.
Werde mir wahrscheinlich eine Filmkamera kaufen. Aber erst wenn ich gemustert habe.

Zurück in Deutschland, trifft sich Reinhardt im November in Stuttgart mit seiner Jugendliebe Nori, mit der er offenbar frühe sexuelle Erfahrungen sammelte. Die alte Leidenschaft flammt wieder auf. Nori ist verheiratet, hat Kinder und ist Malerin. Reinhardt genießt die Stunden mit ihr und bedauert, dass ihr Mann, eine „robuste Natur mit zeitweiligen Gefühlsduseleien“, ihre „empfindsame Seele“ offensichtlich mit „pädagogischer Härte“ zu erziehen versucht.  

29.11.61

Ich habe es schon lange kommen sehen – und nun ist es so weit. Ich weiß nicht, ob ich es als Fehler bezeichnen soll, nach Stuttgart gefahren zu sein, allein, es lässt sich nicht mehr rückgängig machen und ich möchte es auch nicht missen. Nori und ich, wir hatten uns schon mit 14 Jahren, was sage ich, mit 12. Und später, auch als sie in Frankfurt war, war es immer dieses Band, was zusammenhielt, jeder wusste um seine Liebe, jeder hat den anderen abgeschrieben. Aber im Unterbewusstsein wusste jeder von beiden, dass der andere der ideale Partner für ihn ist. Und jetzt, als ich in Stuttgart ankam, da wusste ich sofort, ich liebe sie immer noch. Wie sie dastand, blond und großäugig, mit den schmalen Schultern, die ihr immer etwas Kindliches und zugleich Scheues und unendlich Zartes verleihen, da gingen mir die Augen auf. Dann verbrachte ich den ganzen Abend mit ihr. Keiner traute dem anderen. Jeder hoffte, noch vom anderen geliebt zu werden, keiner traute sich, das Wort zu sagen. Es war das Abtasten und Suchen einer Gestalt, die man liebt, aber lange nicht mehr gesehen hat. Die lange Zeit des Fernbleibens hat das Aussehen etwas verändert. Und die Vorstellung von der Art musste erst den realen Gegebenheiten angepasst werden. So ging der erste Abend hin. Jürgen und Annette kamen spät und in meinem Gedächtnis blieben nur im Wesentlichen Nori und die Kinder. Am anderen Tag bereits hatten wir wieder Kontakt  miteinander. Mir kamen jene sanften und guten Stunden in Erinnerung, in denen wir uns so hauchzart liebten, dass beide fast daran zerbrochen wären. Ich sah ihre großen und traurigen Augen und vor allem ihren unwahrscheinlichen Kopf mit den schönen vollen Lippen und dem vollen Haar. Ein Kopf, der sich an einem reibt wie eine schöne, sehr schöne Katze. Ihre zarten zerbrechlichen Hände, die so sehr zärtlich sein können, dass ich die Gefühle nicht mehr beherrschen kann. So fanden wir uns zu einer kurzen und
heftigen Umarmung, die mich so arg selig werden ließ.
Am schönsten waren immer noch die Stunden, in denen ich mit ihr schmusen konnte. Jeder gab alles an Zärtlichkeit her, was er zu geben vermochte. Manchmal habe ich  das Gefühl, dass sie mit mir spielt. Und dann in gewissen Momenten weiß ich, da meint sie es ernst.

Reinhardt tritt die nächste Schiffsfahrt an. Aber mit einigem Abstand zu Nori zweifelt er auch erneut, als er sich frühere Begegnungen mit ihr ins Gedächtnis ruft. An Noris Malerei moniert er, dass sie „zu viele Farben“ verwendet. Er nimmt sich vor, ihr zu schreiben. Auf dieser Fahrt hat er einmal mehr Zeit, über sein Leben und seine Zukunftsplanung zu sinnieren.

4.12.61

Ich bemerke bei mir ein Nachlassen der Existenzangst. Sie hat sich früher darin geäußert, dass ich glaubte, zu wenig auf geistigem Gebiet zu tun. Jetzt tue ich so wenig wie noch nie, und siehe, das geht auch. Es macht natürlich viel aus, dass ich mich in einer Umgebung befinde, die meine geistige Überlegenheit überragend erscheinen lässt.
Wenn ich mich eines Tages wieder in den gewohnten Kreisen befinde, werde wieder ganz schön auffrischen müssen. Vorerst werde ich mit meinem Geld sehr sparsam umgehen müssen, will ich das eigene Geschäft eine Tatsache werden lassen.
Dabei denke ich in erster Linie an mich, evtl. an die Mutti. Ich muss für meine geistige Produktivität eine mystische Schutzhülle meiner Seele bauen. Ein guter Teil dieser Schutzhülle wird aus harten Talern bestehen müssen, weil ich allerhand Experimente zu finanzieren habe. Steindruck usw. Dann meine Speisekarten, deren Deckblätter aus Originalgraphiken bestehen sollen. Meine Kunsthandlung.

Ich weiß, der Anfang wird schwer sein. Aber ich muss das schaffen. Wenn es sein muss, muss eben das Heiraten hinten anstehen, abgesehen davon, dass ich bis auf Nori und Marianne noch niemand getroffen habe, der meinen Ansprüchen gewachsen wäre. Und beide Typen beschritten die Wege des geringsten Widerstandes. Keine von beiden glaubte an mich so recht. Nori musste als Erste erkennen, dass sich aus dem armen, hässlichen (bez. der Prosperität) Entlein ein recht beachtlicher Vogel gemausert hat. Es ist natürlich für den Typ von Frau, den ich suche, dass die finanzielle Zukunft klar erkennbar sein muss, weil ich von ihr ein ziemlich hohes Maß von Kultur und Intelligenz erwarte. Kultur und Intelligenz lassen sich aber auf die Dauer nur durch ein entsprechendes finanzielles Polster retten und schaffen.

6.12.61

Heute fiel mir wieder ein, dass ich diesen langen Brief an G. Dizzon geschrieben habe. Es fiel mir jene trübe und doch wieder  schöne Zeit ein, in der ich die Abendstunden mit Studieren o.ä. verbrachte. Es war die Zeit, in der ich noch Hoffnung haben konnte, eines Tages zu akademischen Lehren aufzusteigen. Jetzt, wo dieser Traum ausgeträumt ist, bin ich oft noch am Spinnen, wie ich die Zeit, die mir so kostbar ist, mit läppischem Tun verbringe. Es könnte so viel geschaffen werden. Es scheitert nur an diesem  verfluchten Geld, und das wird jetzt angeschafft.


 

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