31.7.68 bis 5.12.68

Überlegungen zu den Themen seiner Malkunst und ihrer Gestaltung beschäftigen Reinhardt im Sommer 1968. Er ist in München, hat keinen Job und sorgt sich um seine Schulden und seine unklare berufliche Situation. Ende August verlässt er die Stadt, stattet der Documenta in Kassel einen Besuch ab und begibt sich im September schließlich wieder an Bord eines Schiffes, um als Kellner nach Amerika auszuschiffen. Nach seiner Rückkehr im Oktober tritt er wenige Tage später die nächste Fahrt an. Auf seinen Reisen findet er Zeit zum Gitarrespielen und Skizzieren, auch zum Studium der Kalligraphie. Die Kunst in China und Japan fasziniert ihn. Die Ergebnisse des I Gings, das er sich täglich legt, beschäftigen ihn, mit ihrer Hilfe versucht er in die Zukunft zu blicken und erhofft Antworten auf seine Fragen – die sich ihm in auch in Amerika weiterhin stellen.

(...) Ich wollte Ruhmestaten und Ähnliches malen, wie es die alten Buchmaler getan haben. Überhaupt ist das ein Gebiet, auf dem es die Europäer sehr weit gebracht haben. Sie haben darin fast die Anmut und Perfektion der chinesischen Kalligraphie erreicht.

Überhaupt ist es mit der Kalligraphie z. B. der orientalischen Malerei (Zen) in Europa

ein seltsames Verhältnis geworden.

Eine Mischung von Geschmacklosigkeit vermischt mit brutaler Effekthascherei, dazu Attribute, sich beziehend auf die besten Werke von K. O. Götze und Mathieu.

Sollte ich jemals Geld haben, würde ich meine Bilder drucken lassen und dazu phantastische Geschichten schreiben.

Auch sollte ich mir eine Märchensammlung zulegen und dazu evtl. Illustrationen. Auch sollte ich an die Variationen des I Ging denken.

Ebenso die Sternenbilder in Variationen.

Man sollte Klischees miteinander kombinieren und den Rest ergänzen.

Collagen mit Teil eines Gesichts und das erst ergänzen, um die Vibrationen zu ergänzen.

Auch sollte ich mir jetzt wirklich die Ideensammlung als jederzeit einsehbare Sammlung anlegen.

 

Es fällt mir schwer, an eine Wiedergeburt in realem Sinne zu glauben, wenn man

sich immer mehr in die Fruchtbarkeit des Alls eingebettet fühlt. Aber letzthin stellte ich

fest, dass es wenige Menschen gibt, die für ihre Möglichkeit die gemäße Form

gefunden haben.

 

Ihre Form, glaubte ich, hätten einige meiner Freunde und ich gefunden.

Aber das war Täuschung. Ich gehe noch viel zu sehr von einem zentralen Punkt aus, von dem aus ich die Welt betrachte. Dabei hat jede Form so viele Gesichtspunkte, wie man Standpunkte annehmen kann, und zwar mikro- wie makrokosmische. Diese

Standpunkte stehen miteinander in stetigem Austausch.

Es heißt damit letztendlich, dass damit der eigenen Einmaligkeit endgültig der Garaus gemacht wird.

Ich konstruierte vorhin eine Geschichte ohne Höhepunkte, wie es das Leben an sich ist. Denn ob ein Ablauf in größerem oder kleineren Maße studiert wird, es ist bedeutungslos im Ablauf als Gesamtgeschehen.

Es sind dies bekannte Tatsachen, die aber dank ihres so ablehnenden Charakters immer wieder der Verdrängung ausgesetzt werden.

Die Menschen finden immer groteskere Mittel, dieser Verinnerlichung dieses Lebenserkennens zu entgehen. Märchen und Romane sind nur Extrakte dieses täglichen Geschehens.

 

3. 8. 68

Gestern abend wieder Streit mit Don. Bin froh, wenn ich ihn nicht mehr sehe.

Habe auch etwas Angst vor ihm. Obwohl ich ihm körperlich überlegen bin, er ist so schnell und erfahren im Raufen und ich werde noch ein paar Zähne los. Bin froh, wenn

ich alle Schulden bezahlt habe. Einmal muss ich es aber doch versuchen.

 

Ich möchte gern Gesichter zeichnen, nur Gesichter, das ist schon eine Aufgabe.

Grünen Schleim gesehen. Schlimm, nichts gefühlt.

 

14.8.68

Nun ist so ziemlich alles beisammen an Sadismus, was passieren kann.

Bald fliege ich aus der Wohnung raus, die Bank pfändet, der Wechsel platzt, dazu noch heute der Unfall und der Fuß ... außerdem hat mich gestern der Zahn versetzt, außerdem noch die Verlade vom Charlie nagt.

 

15. 8. 68

Und außerdem bin ich mir überhaupt nicht im Klaren, schon wieder mal, was ich machen soll. Am liebsten möchte ich wieder zur See fahren oder woanders hin, also Flucht, auf der anderen Seite möchte ich in München bleiben und mir etwas aufbauen,  zumal ich jetzt die Chance habe, wirklich etwas von Grund auf zu lernen. Natürlich habe ich Angst vor der vielen Arbeit. An sich ist das alles kein Grund zum Zusammenbruch. Wohnung

behalten. Und dann die Schulden und dann sparen und üben und malen.

 

26. 8. 68

Ich habe soeben die Message erhalten, abzuhauen und schnell ...

 

27. 8. 68

... und bin schon in Kassel und schau mir zum Abschied die Documenta an.

Anschließend muss ich Mutti anrufen und meinen Kram abholen und dann nichts wie weg. Rom, Paris ...

 

Auf der documenta beeindrucken ihn, stichwortartigen Notizen zufolge, die Collagen von Jiří Kolář, ebenso eine „wunderbare Assemblage“ von Cornell, Werke von Arakawa, Shusaku, ein Zeichenblatt eines Architekten, in dem nur die Gegenstände eingeschrieben sind, Kitag und Beckmann. Er meint, „Ich verstehe jetzt zu hören und auf die geringsten Strömungen zu reagieren.“

Sein Fazit der documenta ist positiv: „Die in der Ausstellung gezeigten Stücke sind alle so gut, dass ich keines schlecht finde. Im Verhältnis zu Recklinghausen, wo ich noch gut und schlecht empfand.“ Das Kopieren der alten Meister hält er weiter notwendig, wie er am 29. August 68 notiert: „Kopieren ist gut, weil es den Blick für das Wesentliche und die Proportionen schärft. Darüber hinaus lernt man den Menschen und sich selbst genau ansehen. Und außerdem lernst durch den anderen Malen.“

 

Auf den folgenden Seiten widmet sich Reinhardt der Übung  japanischer Schriftzeichen, deren Bedeutung er jeweils in großen Druckbuchstaben hinzufügt. Aus einer Eintragung vom 7. August geht hervor, dass er München verlassen hat, ohne sich von Freundin und Freunden zu verabschieden – und sie offenbar auch nicht wissen, wo er ist und was er plant. Er selber aber scheint es auch nicht recht zu wissen.

Nach außen hin ist Reinhardt nun auf sich allein gestellt: Er beschließt, von nun an fernab von Verbindungen und Freunden an sich selbst zu arbeiten – in Kunst wie Musik – und sich durchzusetzen.

 

31. 8. 68

Als Fazit meines sehr schnellen Handelns muss ich immer noch sagen, es war gut.

Wohl habe ich eine Menge Verbindungen damit verlassen, aber es ist, wie wenn man

eine neue Schwelle überschreitet, dann soll man das Alte auch endgültig hinter sich lassen. Nachdem ich mich jahrelang nur auf meine Verbindungen verlassen habe, muss ich nun langsam hinaus in die kühle Luft der Selbstbehauptung.

Nachdem ich jahrelang meine Waffen dafür geschliffen habe, muss ich nun fern von allen Fremden und Protegés diese Waffen vollenden, da hilft Meditieren alleine nicht, sondern man muss auch arbeiten und zwar in aller Öffentlichkeit.

Zumindest bin ich jetzt dem Problem der Plastik auf der Spur. Ebenso wird es nicht lange dauern, dann zieht der Bass nach.

 

Auf einer Tagebuchseite zieht Walter eine Art Bilanz seiner persönlichen Beziehungen in München: Er führt alle Personen, die ihm wichtig sind, geordnet in zusammengehörende Personenkreise auf, geordnet nach beruflicher Beziehung und nach Wohnortadresse.

 

München, Personenkreise

Neckermann

Königsberger, Stephan, Waschkeit, Helmrich, Frieser, v. Pechmann, Manuela, Baransky, u. Dopsi, Dahlant Friedrich,  Heide + Uwe Lausen, Anneliese + Helma, Tina

 

Kaiserstr. 25

Julius, Doris, Max, Gerlach,

Henneberg, Mühl, Hartm. Barz, Heider, Knauf, Perlinger, Saro, Jörg, Lengenfeld, Lothar Bart, Maith, Charlie, Etzel, Otto etc.

 

Orlamstr. 11

Anke, Mango, Ingrid Kortlander

 

Siegfriedstr. 18

Booker Evrin, Jimmy Wood, Mal Waldron, Carter Jim, Herr Brauer, Felix.

 

So langsam werde ich wieder unruhig, weil ich hinaus muss. Auch spiele ich mit dem Gedanken „zurück zur Band“, aber das ist witzlos. Ich muss mehr lernen und verschwinden.

 

3. 9. 68

Bezüglich des Bassspielens: Ich muss auf der Gitarre jede Art von Melodie spielen, erstens aus dem Gehör und später auch nach Noten. Auf jeden Fall muss ich Intervalle hören lernen. Ebenso ist es mit dem Malen. Ich muss Portraits und Gegenstände mir genau ansehen und dann aus dem Gedächtnis wiedergeben können. Es ist wie bei der

Geschichte von dem chinesischen Maler:

 

 „Yin Li“ war bereits ein berühmter Maler und einer der hoffnungsvollsten Anwärter auf die Anstellung als Hofmaler. Er war 36 Jahre alt und hatte sich durch fleißiges Kopieren alter Meister einen Namen erworben.

Eines Tages legte er zum Erstaunen seiner Umgebung die Tracht eines Malers

ab und tauschte sie mit dem kargen Gewand eines buddhistischen Pilgers. Er entzog sich der Betrachtung seiner Umgebung durch eine lange Pilgerreise. Jahre danach tauchte er wieder auf und war seltsam verändert. Eine Portraitsitzung gestaltete sich schließlich so: Der Auftraggeber wurde zu einer Tasse Tee des Nachmittags gebeten, während der Maler sich mit Ihm unterhielt, bereitete er nach traditioneller Art den Tee, anschließend mischte er eine Farbe an und suchte ein geeignetes Stück Papier. Während dieser Zeit waren über drei Stunden vergangen. Der Gast war in dieser Zeit unruhig geworden und gerade, als der Maler bereit für eine Skizze war, stand der Auftraggeber auf und musste fort. Anschließend malte der Maler das Bild fertig in einem Zug.

 

7. 8. 68    0.10

Braunschweig Hauptbahnhof

 

Ich bin im Augenblick so geil, dass ich alles nehmen würde.

Zumeist ist es jedoch so, dass ich es mir im letzten Augenblick überlege und wieder abspringe, entweder ist sie nicht gut genug oder ich denke an die Folgeerscheinungen:

„There will never be another you.“

Anke wird’s nicht glauben und suchen. Was habe ich sie …. oder ich bin ihr vor der Rückkehr zuvorgekommen. Und nun sitzt sie weinend in München.

Aber auf jeden Fall wird sie herauskriegen, wo ich bin – und dann sehen wir weiter.

Charlie klang sehr resigniert am Telefon, aber es ist auch zum Teil seine Schuld, und ich habe wirklich den besten Deal genommen. Hoffentlich fängt er jetzt an zu denken, wie man das eigentlich damals?

 

7. 9. 68

Und was macht ein Mathematiker?

Er erinnert so lange, bis er ein „brauchbares“ Ergebnis findet. Die Faktierung aber, eher entfernt sind, deswegen immer zwei verhandeln.

Der Mensch kann einfach nicht ein Problem so stehen lassen, wie es ist. Der Weg, der in diese Richtung führt, ist nämlich nicht einmal interessant.

 

29. 9. 68

Ich muss mich mit Bobby besprechen. Es ist eine lautere und gute Stelle. Vor allem über P.R., vielleicht kann er mir einen Rat geben, denn die Übungen kommen gut voran.

Ich bin mir nicht sicher, ob dies alles wasted time ist.

Wieder einmal alles vergeblich.

 

29. 9. 68

Das Erregendste an dem Spiegelartikel über den Schlaf ist, dass Säuglinge und Neugeborene träumen und zwar intensiv. Man könnte daher verschiedene Theorien entwickeln.

Während der Buddhismus die Ruhe erstrebt durch Abklingen jeglicher Bewegung im Nirwana, ist der Standpunkt des Buchs der Wandlung, dass Ruhe nur ein polarer Zustand ist ...

Der Schlaf wird erforscht!

 

30. 9. 68

Bi Yän Lu, S. 89/88

... was ist ein Meister? Auch ich bin ein Meister, aber wo ist mein Guru?
Logik: Da ich ein Meister bin, bin ich ein Guru, aber ein Meister muss einen Guru haben, der eines natürlichen Todes stirbt.

 

Im Oktober begibt sich Reinhardt wieder als Bordkellner auf ein Schiff und findet dabei auch etwas Zeit, sich seiner Musik, dem Bass- und Gitarrespielen, dem Malen, der Entwicklung einer Filmidee und Gedanken über seine berufliche Zukunft – wie gewohnt unterstützt durch das Legen von I Gings – zu widmen. Er schmiedet Pläne für ein Leben in Kanada, überlegt, ob er dort die Idee mit dem Hotel besser verwirklichen kann. Auf dieser Reise kommt es jedoch zu keiner Begegnung oder Erfahrung, die ihn in dieser Hinsicht näher beeinflusst.

 

9. 10. 68

Da ist irgendwas  am Arbeiten, das lässt mich an der Gitarre und am Bass weiterkommen. Auf diesem Weg muss ich bleiben, günstig wäre es nur noch, wenn ich eine Kabine für mich allein hätte.

 

15.10.68

Ergründe das Orakel noch mal.

Wenn man den Anschluss verpasst hat und nun immer zögert, vor voller und wahrer Hingabe sich scheuend, so wird man zu spät seinen Fehler bereuen.

 

Filmidee.

Ein schwarz ausgekleideter Raum mit möglichst vielen Variationen von Schwarz

in Stoff + Farbe,  Schaumgummi und Holz etc.

Ein schwarz gekleideter Mann oder Mensch baut aus Stäben, die mit Leuchtfarbe

bestrichen sind, geometrische Figuren, und bemalt dann später die Wände mit weißer Leuchtfarbe mit Szenen aus seinem Leben.

Die Szenen werden Wirklichkeit und verblassen dann wieder zu der schwarzen Höhle. Ende des Films zeigt, wie der Wind in große Wellen Riefen bläst, ebenso Sand + Schnee, und bewegtes Laub und Reisig in den Wind fliegt.

Der einfach betonierte Raum mit Licht + Menschen als Tempel.

 

20. 10. 68

Obwohl ich gute Fortschritte auf der Gitarre mache, sollte ich mich mehr auf fertige Kompositionen konzentrieren. Mit der Schrift hat es etwas sehr Geheimnisvolles auf sich, besser gesagt mit der Niederschrift. Man kann völlig bedeutungslose Sätze niederschreiben und man wird in diesem Zusammenhang an Situationen erinnert, die durch nichts aus dem Zusammenhang mit dem Geschriebenen für einen Außenstehenden hervorgehen.

Dies alleine ist genügende Rechtfertigung für ein Tagebuch. Noch geheimnisvoller

ist ein Bild.

 

22. 10. 68

Ich stellte soeben fest, dass es sehr leicht ist, ein Bild von jemandem zu malen – jedoch sehr schwer, eins aus die Luft zu greifen.

 

Viele der Skizzen auf den folgenden Seiten beziehen sich auf Symbole aus dem I Ging, die er mit den jeweiligen Bedeutungen versieht. Anregung und Vorbilder findet er in dem Buch „Der Senfkorngarten“, ein Standard-Lehrwerk über das Erlernen der chinesischen Tusche-Malerei, das ihn sehr fasziniert. Bei weiteren Betrachtungen über die Spirale sucht Reinhardt die Verbindung zu Theorien von Fred Hoyle über Quasare, ihre Positionierung auf einen fünfachsigen Koordinatenkreuz, auf den Übergangsstufen im Moebiusband. Seine Überlegungen drehen sich um ein konzentriertes, systematisches Üben auf den Instrumenten, daneben gilt sein Interesse weiter der Reflektion über Malerei. Insbesondere die chinesische Malerei, ihre Formensprache und die enge Verbindung mit der Schrift veranlassen ihn immer wieder, sich Gedanken über die Unterschiede zwischen der europäischen und der asiatischen Malerei zu machen, deren Wesen er ergründen will – am liebsten vor Ort in China und Japan.

 

Was ist untrennbar?

Ist etwas trennbar?

Ist nicht trennen eine spezifisch menschliche Eigenschaft?

Dorge heißt Zusammenfügen.

 

23. 10. 68

Die Symbolsprache in China hat auf mich eine Handlungskraft und ist mir irgendwie bekannt. Sollte ich doch noch hinter das Geheimnis der Existenz kommen?

Wenn ich mir das Buch vom Senfkorngarten anschaue, dann muss ich mich an meinen ersten Trip erinnern. Nach den Jahren war es sehr schön. Und das  Buch vom Senfkorngarten ist irgendwie der Schlüssel dazu.

In Zukunft werde ich nur noch an dem Bild malen und auch nur das eine vollenden!

 

(Skizze Labyrinth)

Soll man ein Labyrinth ausmalen? Warum nicht?

Alles spricht gegen eine klare Komposition.

 

28. 10. 68

Die Geschichte vom Maler, der nichts mit Ausstellungseröffnungen zu tun haben will. Und dann auf die Idee kam, die umfassende Lebensschau zu bieten.

Auf der Eröffnung also saß er in einer Ecke und übte Gitarre, und außerdem baute er eine Spiegelglaswand und lebte in dem so geschaffenen Raum, und die Leute konnten bestaunen, wie er lebte.

 

1.10.68

Spirale aus der Zeit – falsch!

Die Spirale ist zu vollkommen, darum ist Hundertwasser auch auf dem Irrweg.

 

4. 11. 68

Beim Anblick des Pflaumenzweiges kam mir der Unterschied zwischen europäischer und chinesischer Malerei.

Die chinesischen und japanischen Portraits, welche mir bekannt sind, haben immer etwas Persönliches des Betreffenden, sie ziehen das Resümee, während es in den starren überladenen Ausstellungen des Abendlandes schwierig ist, etwas Individuelles zu finden.

Die Manieristen haben immer versucht, dagegen anzulaufen. Aber – beim Abendland

ging es immer um die Entwicklung der Idee. In China etc. ging es immer um die Entwicklung der Persönlichkeit.

 

Europa - Abendland – Idee – Formel – Kollektiv – Starre – töten – säubern – aufklären -analysieren – Gegenwart – unklar -

China – Tibet - Indien

Formenreichtum - Emotion - Libido - meditieren - zusammenfassen - Matrix – Zukunft -Individuum - heilig - schmutzig-

 

Ebenso sinniert Reinhardt über den europäischen Jazz, im Gegensatz zu den primitiven Rhythmen, ihrer Variation und die lineare Entwicklung der Musikgeschichte. Und über die amerikanische Malerei.

 

„Die Malvorlagen mit Farbe beklecksen und auf einer Seite mit einer Kopie übermalen - und schon hast Du deinen Stil.“

Ganz so einfach ist die Sache nicht, mein Freund, aber so ähnlich!

Ok. Aber – als Erstes muss ich meine Verhältnisse in Ordnung bringen. Und dann nie wieder.

 

Das Lustige ist, es ist völlig gleichgültig, ob ich Ami werde oder nicht, denn wenn es so weit ist, werde ich sowieso aussteigen.

Mutti hat aus ihrem Garten einen Friedhof gemacht und sie ist so lieb. Irgendwann

wird sie auch in die Verwandlung eingehen und dann bin ich frei. 

Und irgendwie zieht es mich nach Japan und China, ich weiß nicht, warum.

 

 Abendland

+ ich hasse es

   ich liebe es nicht

   ich bin verbannt

verbannt will ich sein...

 

6. 11. 68

Spielen, wie einen Baum ohne Äste malen. Und später, wenn man das kann, Zweige und Blätter und Blüten hinzufügen, dann die Vögel und Insekten und später, wie die Welt ist.

Immer beim Grundlegenden anfangen.

Willst Du eine Perfektion, so brauchst du Papier, Feder, Umschlag + Briefmarken.

 

10. 11. 68

Die Vision vom gläsernen Schiff im Bungalow-Stil, das tauchfähig ist.

 

Durch den Gebrauch des I Ging wird mir der Sinn der Wandlung klar. Für einen Außenstehenden mache ich es zu oft, aber es ist wichtig, die Wandlung der

Dinge zu beachten. Und man muss es lange intensiv betreiben, bis es Eigentum wird.

Ich bin noch zu unruhig, aber es ist gut, eine Entwicklung zu beobachten. Die eigene.

Ich glaube, im Abendland wurden die Menschen erst durch die Beobachtung

der Entwicklung eines Kindes reif. Man sollte, bevor man an die Erziehung eines Kindes sich wagt, seine Entwicklung beobachten. Dann ...

 

Außerdem habe ich heute meine Gitarre zu Ende geputzt.

Es ist ein angenehmes Gefühl, ein persönliches Verhalten zu seinem Musikinstrument zu

bekommen. Und zwar nicht aus anerzogener Reinlichkeit, sondern aus dem Bedürfnis heraus, dem Instrument, dem man solch schöne Töne entlocken kann, etwas Gutes zu tun.

Außerdem muss ich noch mehr abnehmen.

Ich muss dünn werden wie früher und muss meine Probleme besser kennenlernen. Ich war bei Anke nahe daran, aber sie hat nicht mitgespielt – verständlich. Aber ich fühle ihre Sehnsucht nach mir.

Und ich sehne mich nach ihr oder etwas Ähnlichem. Ich sehne mich nach meinem Hotel und meinen Ideen. Und all den produktiven Dingen, die ich machen will.

Träume aus dem Nichts ... und die Sehnsucht nach einer verwandten Seele mit Geld.

Es sind seltsame Irrwege ...

 

10. 11. 68

Jeden Tag ein Gedicht.

kurz oder lang, … oder frei,

aber von Herzen.

 

12. 11. 68

Ich muss es doch wenigstens zu etwas bringen. Ich muss in jeder Hinsicht ein Vorbild sein, aber es ist halt das Schlimme, dass du alles aus eigennützigen Motiven betreibst.

 

Wenn der Wind im Meer seine Spuren eingräbt

das Wasser, das darüber gleitet,

Farbsprache und brutal lustig.

Weshalb Metaphern?

 

Der Mensch beschreibt nur und verändert, was ist gut.

Kraft lässt niemals nach

Sie wandelt sich

und vergeht in anderen

Dimensionen.

 

14. 11. 68

Es ist dieses ewige Hin und Her zwischen Yüan Wu und den prallen geöffneten Schenkeln eines Mädchens. Zu beiden zieht es mich gleichermaßen, aber ich bin unfähig. All das sind halbe Wege.

Das Warten macht mich müde.

Dabei würde ich nur herumstrolchen und wenn ich so weit bin, lade ich mir irgendeine Pflicht auf, die mich wieder in ihren Bann schlägt.

Was ist das? Dieses ewige Unvermögen, etwas zu vollenden. Ich baue auf und zerstöre.

Ich bewundere Menschen, die die Starrheit eines Stiers besitzen.

Ich fühle mich jetzt sehr müde und erschöpft, wie nach schwerer Arbeit

Heute muss ich nichts mehr.

 

15. 11. 68

An meinem Gebrauch des I Ging sehe ich, wie ich das Leben betrachte. Zu sehr auf andere bezogen. Dabei liegt es an mir, das Leben zu gestalten.

Herr Müller z. B. warf beim Wechseln der Tischdecken meine Knöpfe, Stimmgabel und Filzschreiber auf den Boden und beförderte diese Sachen mit Genuss in die Koje. Nein, er sollte sich schämen.

 

17. 11. 68

Herr M. hat etwas gemerkt, und ich auch.

Nämlich, dass ich langsam ein Farbluftjunkie geworden  bin. Na ja… . Man kann es auch in Anagrammen sagen. Palindrome sind schon schwieriger und werden sofort geläufig.

Heute ist der erste Tag, an dem ich mich besser fühle, nachdem ich weiß, dass keine Hoffnung mehr ist, werde ich nach Bremerhaven fahren und mich auf einem Frachter bewerben. Da bin ich wenigstens mein eigener Herr und habe meine Kabine für mich alleine, dann kann ich malen und üben wie ich will und mein Geld werde ich auch so machen.

Jetzt in Bremerhaven werde ich mir den Knaur kaufen und später die Ornamente mit all dem müsste doch etwas zu machen sein – und diese eine gute Tuschtechnik ... Kalligraphie etc. …

 

19. 11. 68

Man ist nicht nur alleine da, sondern man muss sich auch der Umwelt zuwenden.

Da sind im Augenblick so viele unangenehme Situationen da.

Und vor allem ist es das Aufstehen aus Gewohnheiten. Es ist vor allem interessant zu beobachten, wie Menschen reagieren, werden sie aus alten Gewohnheiten aufgeschreckt werden. An sich müssen die alten Leute hier so abgebrüht sein, dass sie jeden Jungen auswählen. (...) Betriebsblindheit lässt das Urquell aller Intelligenz zu einem bloßen Weibergeschnatter werden.

 

21. 11. 68

Man muss viel Zeit darauf verwenden, herauszufinden, was man wirklich will.

Ich fühl mich heute wohl und habe das Gefühl, dass ich gewonnen habe.

So langsam beginne ich, mir Namen auszusuchen. bei denen ich mich wohlfühle:

 

Redmahambhara

Wang(Wei) chang fu

Basutzo

WR

Maitreya

 

23. 11. 68

Das Experiment mit dem Silberpapier als Druckauflage auf einer Zeichnung oder Aquarell. (eventuell streichen)

 

Mit einem Tag Verspätung gelangt Reinhardt am 18. November 68 in Rotterdam (?) an und stellt fest, dass aus dem erhofften Job offenbar nichts wird. Nach nur wenigen Tagen gelingt es ihm, wieder auf einem Schiff anzuheuern. Bereits am 26. November berichtet er, dass er in New York angekommen ist. Hier genießt er die Abende in den Jazzclubs und geht mit seinem Freund Bobby, einem Latino, aus, der ihn zum Sinnieren über das Wesen von Schwarzen und Latinos anregt. Er scheint nicht mehr von Bobby überzeugt. Die zunächst geäußerte Hoffnung, über ihn an einen Job zu kommen, ist schließlich kein Thema mehr.

Als es wieder auf die Rückfahrt zugeht, drehen sich Reinhardts Gedanken wieder um eine Zukunft in Deutschland. Er hat das Gefühl, dass er jedes Mal, wenn er etwas plant, letztlich scheitert, und will endlich den richtigen Weg für sich finden.

 

26. 11. 68

Mit im Village gewesen, anschließend im Corso und Paichezzo gesehen und Joe Cuba.

Annschließend looking for something, aber gerade noch dran vorbeigekommen.

Abschied von Dolores, und heute Ivette von Holland kennengelernt. 17 Jahre. Außerdem überlegt, ob ich nicht in den Islands arbeiten soll. In irgendeinem Hotel wohnen, wo es auch üblich ist.

Wenn möglich auf Puerto Rico, das ist für mich die beste Möglichkeit, und dann die Instrumente mitnehmen und üben und spielen. Spanisch lernen und Musik.

Wenn ich dann zurückgehe, dann bin ich ein großer Mann und mit Band.

 

Ich habe kein Lust mehr, dass mir eine Extrawurst gebraten wird und deshalb ...

Ich arbeite immer auf etwas hin und dann reiß ich es wieder runter.

Ich bin zu müde aber, und zu schwach.

 

Morgen werde ich ins Corso gehen und mir einen Zahn anlachen, und demnächst werde

ich in New York mir Arbeit suchen. Dann werde ich Auswandern und mit Bobby arbeiten, das ist auf jeden Fall besser als alles andere.

N.Y.  ist immer noch besser als alles andere.

 

2. 12. 68

Gestern abend den gleichen Fehler wie so oft begangen, nach Mädchen geschaut und gefoult worden von dem langbeinigen und verrückten arroganten Ding.

Das Schönste war, als ich aus dem Haus ging, die Geschichte mit dem Dieb. Ich wundere mich, warum der Kerl mir alles zurück gegeben hatte und nicht verschwunden

Ist, und drinnen einen Zahn noch verprügelt hat. Er erinnert mich an Charlie Brown von

Tabarin. Das ist natürlich die Art, wie jener auch sein Geld machte.

 

Bobby ist ein seltsamer Mensch.

Überhaupt, was ich an diesen Latinoleuten bewundere, mit welcher Würde und mit welchem Stolz sie die Last des Lebens und der vielen Einflüsse ertragen und dabei offener in ihrer Einstellung sind als der verkommene Amerikaner und der normale Nigger. Es ist ein solcher Unterschied zwischen schwarz und schwarz, der kaum

glaublich ist. Während der eine Teil versucht, sich die Habitus des Weißen zu geben – unter anderem Sammy Davis und James Brown, Jack McDuff und Jimmy Smith + Carter, ist oder bleibt der andere Teil schwarz und ist gleichberechtigt.

Gut angezogene Menschen machten ihn misstrauisch. Zudem suchte er in der Gefahr sein Scherflein herauszuziehen, natürlich, ohne zu großes Risiko.

Da hilft kein Schönmachen. Mittelmäßigkeit. Kann man da noch viel machen?

Arbeit allein tut’s nicht, aber du hast genug Zeit, es herauszufinden bis zum Ende des Lebens.

 

5. 12. 68

Das Konstruieren von regelmäßigen und unregelmäßigen Vielecken wäre gewiss eine lohnende Aufgabe. Anfangen mit den einfachsten Figuren wie Parallelen und jeweils ein Bild davon malen oder eine Collage.

 

An sich beginne ich jetzt langsam einzusehen, dass die Seefahrt auch eine Sackgasse

ist. Zu viel Zeitverschwendung. Aber ich muss das alles hinter mich bringen, damit ich endlich die Einmündung in den Weg finde.

Mein Fehler ist immer noch der, dass ich im Tun des Außergewöhnlichen versuche, die Erklärung oder die Erkenntnis zu finden. Ich wittere hinter jeder Handlung und jedem normalen Ablauf des Lebens ein Zeichen göttlicher Begnadigung, und meine Nase wird immer tiefer in den Dreck gesteckt. Jedes Mal, wenn ich irgendetwas plane, gelingt es mir zu spät, wenn dieses Bezugssystem bereits wieder in Frage gestellt ist.

Die Frage ist, wann werde ich gescheit?

Gibt es einen Unterschied zwischen gescheit und gescheitert?

In Lebenstedt arbeiten und mit Dietr. Brinkmann einen Workshop gründen wäre schon ganz gut. Braunschweig und VW Hannover, und Worpswede, Hamburg ... und etc.

 

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